
Wie man Kids fürs Biken motiviert – und wie nicht
Die Sonne strahlt, alles ist parat für einen tollen Tag – doch der Nachwuchs hat keinen Bock aufs Biken? Jetzt ist nicht nur Geduld gefragt.
Einen normalen Bike-Tag zuhause gehen wir jeweils locker an, sprich: Mindestens eine dreiviertel Stunde lang Picknick-Decke, Ersatzkleider, Wickelzeugs, Snacks, Lieblingstiere und zehn andere Dinge packen. Parallel die Kids unterhalten, den Kleinen nochmals wickeln, den Grossen zum Gang aufs WC motivieren und sich selber parat machen.
Dann feststellen, dass der Kindersitz für den Trail noch nicht montiert ist (geht ja schnell), das Abschleppseil auch noch mit muss (geht ja noch schneller) und die Ketten der E-Bikes dringend geschmiert werden müssen (geht naja).
Klappt das alles ohne Umstände – und kommt uns nicht wie kürzlich noch ein Platten am Laufrad in die Quere -, sind wir „nur“ eine Stunde hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Schon wieder! Wieso haben wir nicht bereits gestern gepackt? Und überhaupt, dieses Chaos, alles muss man zusammensuchen, immer! Kurz, wir sind gestresst. Theoretisch können wir uns trotzdem vorstellen, dass der Tag so etwas wie gelingt.

Losfahren ohne Leistungsdruck
Denn das Wetter ist schön und wir wollen uns abwechseln beim Kinderhüten und Trailfahren, auch auf unsere Kosten kommen und der Grosse kann ja ans Schleppseil und auf den Kidstrail – kurz: Es herrscht ziemlicher Erlebnisdruck. Deshalb bemühen wir uns, die eigenen Erwartungen möglichst wenig auf die Kinder zu übertragen.
Da sind wir noch immer am üben. Jedenfalls helfen uns zwei Dinge. Wir sprechen trotz einer gewissen Hektik so ruhig wie möglich und thematisieren vor allem das Ziel “Biken” erstmal nicht. Stattdessen setzen wir den Kleinen in den Anhänger, den Grossen auf den Sitz und fahren los.

Einfach mal losfahren
Diese Taktik hat sich grundsätzlich bewährt. Denn Kinder merken sehr schnell, wenn die Stimmung nicht gelöst ist. Sind wir jedoch in Bewegung und auf dem Weg, haben wir Zeit, runterzukommen. Auch die Kinder werden ruhiger und können sich erstmal durch die Fahrt bis zum Wald ablenken lassen. Dadurch stehen die Chancen gut, dass sie viel freier sind in der Wahl, was sie tun möchten – und sich so viel eher fürs Biken entscheiden. Das geht nur, wenn für sie nicht der Eindruck entsteht, quasi biken zu müssen, weil wir uns Eltern das so sehr wünschen, dass es zu einem fixen Ziel und damit nicht mehr ganz freiwillig ist.
Früher fragten wir beispielsweise den Grossen direkt beim Losfahren, ob er sich mit dem Seil ziehen lassen will. Seine Antwort war in der Regel: “Nein”. Das fanden wir irgendwie OK und insgeheim auch ein bisschen doof, denn er hat ja eigentlich Freude am Schleppseil und fühlte sich jeweils ziemlich gross und schnell, wenn er durch die Gegend gezogen wurde.
Kinder bestimmen lassen
Was in solchen Momenten abläuft, lässt sich wohl am ehesten mit einer Abwehrreaktion gegenüber den Ansprüchen von uns Eltern erklären. Denn wir übten zwar keinen offensichtlichen Zwang aus, indem wir ihn ohne zu Fragen auf das Rad setzten und aufforderten, loszufahren. Doch er konnte nicht frei bestimmen, ob es aufs Bike, in den Sandkasten oder zu den Nachbarskindern geht. Auch wenn wir fragten, erzeugte die Situation einen Druck. Es gab nur die Option „Ja“, die er offenbar nicht wollte. Und das „Nein“, mit dem er uns enttäuschte.
Zahlreiche Studien und Bücher zu dem Thema kommen – stark vereinfacht gesagt – zu einem ähnlichen Schluss: Kinder entwickeln sich nicht schneller, wenn man sie dazu zwingt. Können sie hingegen selber bestimmen, wann sie für etwas Neues parat sind, stellen sich viel eher kleine Erfolge und damit Freude und Motivation ein, dranzubleiben. Da ist das Biken keine Ausnahme. Doch wie verbindet man die Freiheit des Nachwuchs mit dem eigenen Bedürfnis nach Biken?
Der Alltag als Basis
Ob die ersten Meter auf dem neuen Kidsbike oder die erste lange Tour im Anhänger: Alles Neue klappt am besten, wenn der Erwartungsdruck möglichst tief ist. Das ist bei uns dann der Fall, wenn wir etwas mit kleinem Aufwand einfach mal ausprobieren können – und etwas anderes tun, wenn es nicht klappt. Am ehesten gelingt das, wenn die Bike-Action im Alltag passieren kann. Deshalb kann der Grosse biken, wenn er Lust hat. Rad und Helm sind griffbereit – und dürfen gleichzeitig so lange rumliegen, wie es ihm passt, nicht uns.
Bewährt hat sich auch, kein grosses Brimborium um etwas Neues zu machen. Unter uns redeten wir beispielsweise eingehend über das Schleppseil. Ob er es ausprobieren will fragten wir den Grossen jedoch erst, als es da war und wir es ihm zeigen und erklären konnten. (Und heilfroh waren, das erstmal vor dem Haus auszuprobieren und nicht auf einer Tour, dazu mehr in einem separaten Beitrag).

Flexibel auf der Bike-Tour
Der Grosse wählt also selber, ob er mit dem Rad rumflitzen oder etwas anderes tun will. Das gilt auch, wenn wir auf eine Anhänger-Tour gehen. Er und sein Bruder können zwar nicht wählen, ob sie mitkommen oder nicht. Ob er selber auf den Sattel sitzt, kann der Grosse trotzdem nach Lust und Laune entscheiden.
Das kleine Bike ist auf den Anhänger gebunden – und darf den ganzen Tag dort bleiben. Das gehört dazu. Denn wir machen den Erfolg eines Tages nicht daran fest, wie weit er gefahren ist, sondern was wir insgesamt erlebt haben. Beim Hometrail hat sich die Kombination von „Kinder auf Spielplatz im Wald/wir abwechselnd auf dem Trail“ sehr bewährt. Sobald wir unseren Moment auf dem Bike hatten, sind wir zufriedener.
Und in den Bergen macht es grosse Freude, sich draussen in einer schönen Landschaft zu bewegen. Und womöglich neue Trailfamily-Routen zu finden. Wenn wir in solchen Momenten die simple Freude des Moments spüren, haben wir das Ziel erreicht. Für die gute Stimmung sind auch die Kids sehr empfänglich (noch mehr jedoch für Glacé).

Angebot statt Druck
Unser Fazit tönt simpel, braucht aber unter Umständen viel Arbeit an der eigenen Einstellung (wir sind auch noch nicht am Ziel): Dem Nachwuchs das Biken anbieten, ohne es zu verlangen. Und wenn es drauf sitzt: keinen Leistungsdruck aufbauen, etwa bestimmte Skills in einem gewissen Alter zu verlangen (wie: jetzt aber Los mit Pedalen, gib Gas mit dem Fully etc.). Viel mehr bewährt hat sich für uns, die Freude am Biken vorzuleben. Und spielerisch herauszufinden, wo der Nachwuchs die eigenen Grenzen hat. Diese wird er ganz intuitiv verschieben, sobald die Zeit reif ist dafür.
Das Thema „Kinder motivieren vs. überfordern“ ist komplex und betrifft alle Eltern. Deshalb werden wir in weiteren Beiträgen die Thematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Eure Inputs und Fragen sind sehr willkommen. Direkt unten als Kommentar oder per E-Mail an uns.
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